„Wie immer, so kann auch heute nur aus dem stillen Licht der Ewigen Lampe in Gottes Heiligtum das neue große Licht wahrer Gotteserfülltheit zeitnaher kultischer Kunst kommen.“
von Theodor Bernhard Rehmann (1895-1963)
Seit Jahrhunderten ist die Musica sacra aufgerufen, ihre volle Pracht zu entfalten. Wenn es sich schon um ein echtes "Schauspiel vor Gott und den Menschen" handelt, kann dieses am allerwenigsten der Klangpracht heiliger Musik entraten. Die Außergewöhnlichkeit dieser Prachtentfaltung darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es auch schon im Wesen des regelmäßigen "öffentlichen feierlichen Kultes" liegt, Gott, dem Inbegriff des "Wahren, Guten und Schönen" auch mit der vollen Opferbereitschaft unserer Schönheitsgaben zu huldigen.
Klafft aber da nicht heute eine allzu große Kluft zwischen der Welt des Kultes und der profanen Welt? Josef Pieper, der christliche Denker, bringt uns das in seinem einzigartigen Büchlein „Kult und Muße“ zum Bewußtsein. Sind die heiligen Mysterien mit ihrer Feierlichkeit heute noch gültige Lebensform außer für die „kleine Schar“ des Evangeliums? Der Christ betätigt sich sechs Tage in der Woche inmitten einer hastenden Welt, die ihn fesselt mit einer kaum abreißenden Kette von Mühen und Plagen, von Sorgen und Planen. Als so Gefesselter zwingt er sich mehr aus Gesetzespflicht als aus innerem Antrieb zur Teilnahme am sonntäglichen Kult; und das muß so schnell wie möglich erledigt sein. Für alles mögliche hat man Zeit genug am Sonntag, nur nicht für Gott. Das setzt nämlich ein Zur-Ruhe-Kommen voraus; aber davor hat man Angst: es ist ein wahrer „horror vacui“, Angst vor der eigenen Leere. So wird die Flucht vor sich selbst zur Flucht vor Gott.
Die Natur des Menschen kann aber am laufenden Fließband der Zeit nicht gewisser Zäsuren der Ruhe und gehobenen Feierlichkeit entraten; und so sicher, wie an Stelle des entthronten wahren Gottes irgendein Götze tritt, so an Stelle des wahren Kultes der Ersatz-Kult: Theater-, Kino-, Sport- und Tanzkult. Hier zeigt sich am entscheidenden Punkt die geistige Krisis unserer Zeit im wörtlichsten Sinne.
Von hier aus gesehen ist auch das Wirken unserer Kirchenchöre ins Gericht gerufen. Mit wahrer apostolischer Bereitschaft haben sich die von der Kirche zu liturgischer Chorgemeinschaft Berufenen der harten Zeit zu stellen. Den fiebernden Regungen der Zeit haben sie nach den Weisungen der Kirche mit ihrem singenden Samariterdienst heilende Hilfe zu gewähren. In Schlagworte gefaßt sind es dreierlei Modetendenzen, denen zu begegnen ist: einer kalten Sachlichkeit, dem Hang zum Kollektiven und einem anmaßenden auf sich selbst gestellten Existentialismus.
Die feierliche Sprache des Kultes ist objektivste Sachlichkeit; aber eine Sachlichkeit, die nicht kalt und tot ist, sondern warm und lebendig sich ergibt aus dem runden Ganzen der Menschennatur mit ihrer vollen Sinnenhaftigkeit und Geistigkeit. Das Päpstliche Rundschreiben über die heilige Liturgie „Mediator Dei“ drückt das in treffenden Worten aus. „Der gesamte Kult, den die Kirche Gott darbringt, muß sinnfällig und innerlich sein.“ Sinnfällig, weil es so das Wesen des aus Leib und Seele zusammengesetzten Menschen verlangt; dann, weil es von Gott so gefügt ist, daß, „während wir Gott mit leiblichem Auge erkennen, er in uns die Liebe zum Unsichtbaren entflammt“; ferner liegt es in unserer Natur, daß alles Seelische sich sinnhaften Ausdruck gibt. Endlich offenbart das Sinnfällige in besonderer Weise die Einheit des Mystischen Leibes und stellt sie ins rechte Licht, spornt dessen heiligen Eifer an, stärkt seine Kraft und macht seine Tat wirksamer.
Unsere Zeit hat auch eine starke Neigung zum Kollektiven, oft unter Vernachlässigung berechtigter eigenpersönlicher Ansprüche. Schon die Forderung des heiligen Pius X. einer „aktiven Teilnahme“ an der Liturgie wird oft in kollektivistischer Hinsicht mißverstanden. Im Motu proprio Pius’ X. über die Kirchenmusik heißt es in der Urfassung „communicatio actuosa“. Diese Forderung einfach zu übersetzen mit „aktive Teilnahme“ ist zwar nicht direkt falsch aber schief. Der lateinische Ausdruck besagt viel mehr, nämlich „innerer Mitvollzug“, und zwar verstanden aus der allerersten Grundhaltung der Liturgie gegenüber - wie überhaupt gegenüber der Botschaft Gottes -: „ex auditu“. Inmitten der fieberhaften Hetze unseres Lebens sollen wir doch endlich in der Liturgie einmal zur Ruhe kommen und wieder den „Anfang aller Weisheit“ lernen: das Hören und das Staunen. Aus dieser innersten geistigen Bereitschaft her erwächst erst die lebendige Gemeinschaft göttlichen Kultes. „‚Wo zwei oder drei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ihnen.’ Die Liturgie als Ganzes bildet deshalb den öffentlichen Kult, den unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist und den die Gemeinschaft der Christgläubigen ihrem Gründer und durch ihn dem ewigen Vater darbringt; um es zusammenfassend kurz auszudrücken: sie stellt den gesamten öffentlichen Kult des Mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder.“ - „Wo es den Hirten gelingt, eine Gemeinschaft von Gläubigen zu sammeln, dort errichten sie den Altar, auf dem sie das Opfer darbringen, und um den die übrigen Riten sich legen, daß die Menschen sich durch sie heiligen und Gott die ihm gebührende Verherrlichung erweisen können. Unter diesen Riten nehmen die erste Stelle ein die Sakramente, die sieben Hauptquellen des Heils; dann der Lobpreis Gottes, mit dem die Christen, auch untereinander verbunden, der Mahnung des Apostels Paulus gehorchen: ,Belehret und ermahnt einander in aller Weisheit. Singt Gott dankbaren Herzens Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder’“.
Die moderne Philosophie des Existentialismus nimmt in ihren ernsten Bestrebungen mit Recht für sich in Anspruch, eine wagemutige und kühne Weltanschauung zu sein, die aber ohne den lebendigen Gott als letztes Ziel, nur in der heroischen Verzweiflung enden kann. Ein lebendig gestalteter und gelebter Kult aber gibt auf alle die letzte Existenz des Menschen betreffenden Fragen eine Antwort von einer Kühnheit, die nur aus dem eschatologischen Ernst christlicher Verantwortung erfolgen kann, das heißt aus der ständigen Verantwortung vor dem Gericht Gottes. Aus diesem Grund allein ist beispielsweise die Musik Anton Bruckners in tiefstem Kern kultische Musik, weil in Erschütterung gestaltet unter dem Gerichtwort Gottes. Die äußere Form liturgischer Schönheitsgestaltung muß aus innerster Wahrhaftigkeit kommen: „Abglanz des Wahren“ sein. Die Päpstliche Enzyklika spricht sich auch hierüber aus: „Der äußere Opferritus muß nämlich seiner Natur nach den inneren Kult zum Ausdruck bringen: Das Opfer des Neuen Bundes stellt aber jene höchste Huldigung dar, in welcher der hauptsächlich Darbringende, Christus nämlich, und zusammen mit ihm sowie durch ihn alle seine mystischen Glieder Gott durch die ihm schuldige Ehrung verherrlichen.“ ... „Der hohen Würde des Betens der Kirche zu entsprechen, muß auch die Frömmigkeit unserer Seele bestrebt sein. Und wenn die Stimme des Betenden die Lieder wiedergibt, die unter dem Hauch des Heiligen Geistes geschrieben sind, Gottes Vollkommenheit in ihrer ganzen Welt künden und preisen, dann muß auch bei uns dieses Wort begleitet sein von innerem Mitgehen der Seele, so daß wir diese nämlichen Gesinnungen uns zu eigen machen, mit ihnen uns zum Himmel erheben, mit ihnen die heiligste Dreifaltigkeit anbeten, mit ihnen ihr gebührend Lob und Dank sagen: ‚Wenn wir dastehen und Psalmen singen, wollen wir es so tun, daß unser Herz dabei mit unseren Stimmen zusammenklingt.’ Es handelt sich also nicht nur um ein Aufsagen, nicht nur um ein Singen, das, mag es auch allen Anforderungen der Kunst und des religiösen Brauchtums noch so vollkommen entsprechen, nur eine Sache des Hörens bliebe, es handelt sich vielmehr darum, daß wir mit Herz und Sinn uns zu Gott erheben, um ihm uns selbst und all unser Tun aus der Vereinigung mit Jesus Christus heraus vollkommen hinzugeben.“
So möge die Abfolge der Feierlichkeiten nicht an der Oberfläche unserer Sinne haften bleiben! Innere Besinnung auf den Kern unseres heiligen Kults und stille Einkehr in eine einmal zur Ruhe gekommene Seele möge die Frucht äußerlicher Feierlichkeit sein! Wie immer, so kann auch heute nur aus dem stillen Licht der Ewigen Lampe in Gottes Heiligtum das neue große Licht wahrer Gotteserfülltheit zeitnaher kultischer Kunst kommen. „Eine Gemeinde, die mit wahrer Andacht dem Opfer der Altäre beiwohnt, wo unser Heiland im Verein mit seinen durch das heilige Blut erkauften Kindern den unermeßlichen Hochgesang seiner Liebe singt, kann zweifelsohne nicht stumm bleiben, ist doch ,das Lied der Liebe Gesetz’, und schon ein altes Sprichwort sagt: ,Wer gut singt, be-tet doppelt’. So vereint die streitende Kirche, Volk und Klerus nämlich, ihre Stimme mit den Gesängen der triumphierenden Kirche und den Chören der Engel, und alle erheben gemeinsam einen herrlichen und ewigen Lobgesang auf die heiligste Dreifaltigkeit, gemäß der Bitte: ,Mit ihnen laß, so flehen wir, auch uns einstimmen’.“
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