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Ignaz Mitterer lebt im 85. Todesjahr !

von Stadtpfarrer Simon Ascherl, München

Viel zu schön, um nicht wahr zu sein, was man da heuer am 25. und 26. Juli im Zisterzienserstift Stams in Tirol erleben durfte!

Just in der selben Zeit, da in offziellen kirchenmusikalischen Büros und Schulen die Wächter am Grab der nachkonziliaren Kirchenmusik, bestrahlt von der Sonne des untergehenden "Neuen Geistlichen Liedes" des vorigen Jahrhunderts, langsam wie Birnen im Winter verhutzeln, konnte man nun schon im zweiten Jahr in Folge in der Stiftskirche Stams, wenigstens für jeweils ein paar Tage frühlingshaft kraftvolles kirchenmusikalisches Leben auf dem Boden der Tradition und zugleich auf höchstem Niveau erleben, dargeboten von einem Solistenensemble, sowie dem Chor und dem Orchester des Akademischen Musikvereins unter der Leitung von Josef Wetzinger. Wem widmeten die überwiegend auffällig jungen Musiker da ihre Mühe und ihr Talent?

Ignaz Mitterer, am Lichtmeßtag des Jahres 1850 in Vergein / St. Justina bei Lienz in Osttirol geboren, Absolvent des Augustiner-Chorherren-Gymnasiums im Kassianeum in Brixen, Theologiestudent am Priesterseminar Brixen, 1874 zum Priester geweiht, darf nach einer Kaplansstelle 1876 das Kirchenmusikstudium in Regensburg aufnehmen. Es folgen zwei Kooperatorenstellen in Niedervintl und Dölsach. 1881 finden wir Mitterer für acht Monate als Kaplan an der „Anima“ in Rom; diese Gelegenheit nutzte er, um die Werke Palestrinas und Lassos vertieft zu studieren. 1882 wird Ignaz Mitterer auf eine der begehrtesten kirchenmusikalischen Stellen Mitteleuropas, auf die des Domkapellmeisters zu Regensburg berufen, ein Beweis für die Hochachtung, welche der erst 32jährige Priestermusiker schon genoß. Daneben wurde er Lehrer an der Kirchenmusikschule, deren Schüler er selbst gewesen war. Der Domchor zu Regensburg nahm unter der Leitung Mitterers einen gewaltigen Aufschwung. Doch im Jahr 1884 starb in Brixen der dortige Domkapellmeister Urban Harasser, der Domorganist Zangl war schwer krank; so folgte Mitterer einem Ruf des Brixner Fürstbischofs Simon Aichner und wechselte 1885 zum Dienst auf die Domempore von Brixen. Erst 1917 legte er, gesundheitlich, nicht zuletzt durch eine Gasvergiftung, hervorgerufen durch einen defekten Heizofen, schwer angeschlagen den Taktstock wieder aus der Hand. Am 18. August 1924 verstarb Domkapellmeister a.D. Propst Ignaz Mitterer, nachdem er noch kurz zuvor sein goldenes Priesterjubiläum feiern konnte, an Altersschwäche. Bei den Exequien erklangen sein Requiem c-moll op. 50 mit Orchester, das Libera op. 70a mit Posaunen, sowie sein Magnificat Nr. 9.

In den 32 Jahren seines Dienstes machte er Brixen zum in aller Welt beachteten und gelobten Vorort der cäcilianischen Reform der Kirchenmusik neben Regensburg. Was Mitterer auszeichnet, ist seine Gabe, den strengen Cäcilianismus der ersten Generation etwa eines Carl Proske, und F.X. Witt, zu versöhnen mit den Errungenschaften der Musik seiner Zeit. Prof. Karl Koch preist Mitterer: „...das Talent des Tiroler Meisters hat trotz alledem mit das Beste geschaffen, was in dieser Zeit und in diesem Geiste entstanden ist.“ So reiht sich Mitterer ein in die Gemeinschaft der späteren Cäcilianer wie Max Filke, Peter Griesbacher, Moritz Brosig, Vinzenz Goller oder Adalbert Rihovsky. Mitterer, so sehr er die kirchenmusikalische Landschaft wohl ganz Österreichs und Bayerns im Sinne des Cäcilianismus mit umgestaltet hat, war ein Tiroler und ein Brixner geblieben. Die orgel- und orchesterbegeleitete Kirchenmusik lag ihm am Herzen. Das Solo, wenngleich cäcilianisch-artig im Rahmen, durfte nicht fehlen, das Solo-Quartett wird geschickt als Alternatim-Chor geführt. Mitterer weiß um die Rolle des im heimatlichen Großraum geliebten Orchesters; freilich führt er es – wie seine Kollegen - straff im Dienst der Unterstützung des Chores, aber doch dürfen Instrumentalsoli oder festive Bläser und Paukeneinsätze v.a. am Schluß von Gloria, Credo und Hosanna nicht fehlen. Wie sollte man auch einem Südtiroler sein gepflegtes Blech und seine Pauken wegnehmen? Vielleicht doch ein pastoraler Ansatz des Priestermusikers Mitterer: Die Leute abholen, wo sie sind? Nicht zu vergessen: Mitterer leitet die Dommusik zu Brixen über die Zeit hinweg, als der Dom im Inneren noch einmal neubarock „ergänzt“ wird, wo zur Troger’schen Originalgestaltung viel Elegantes, Galantes, vielleicht ein wenig arg Cremiges und viel mechanisch Geschnörkeltes im Sinne eines Marienbader Kurhausbarocks hinzukommt. Hätte sich die Originalgestaltung des Barockdoms sicher noch mit der strengen klassischen Vokalpolyphonie vertragen – der „neue Dom“ bedurfte auch der musikalischen Milde, des Freundlichen, der musikalischen Rocaille, des Orchesters, des Solos, der Schlußfuge, des ausgiebigen „Benedictus“ und der Chromatik. Und genau hier paßt sich Mitterer – auch auf Wunsch seines Fürstbischofs - ein. Er ergänzt seine früheren Messen z.T. noch mit großen Orchesterparts – übrigens eine Stärke der Messen jener Zeit: sie sind für alle Möglichkeiten und Kräfteverteilungen ausführbar - , und er schafft Musik, welche die Domliturgie zu Brixen im erneuerten Raum sich zu einem Gesamtkunstwerk entwickeln ließ. Ohne die alte, in seinen Augen wohl oberflächliche Kirchenmusik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts beleihen zu müssen, bringt Ignaz Mitterer es fertig, erhabene, auch für altbayerische Ohren auf Dauer verträgliche, festliche und fröhliche, nichtsdestoweniger aber streng liturgische und auf das Ideal der klassischen Polyphonie blickende Kirchenmusik zu kreieren. Er ist dem barocken und romantischen Lebensgefühl seiner Landsleute, er ist „seinem“ Dom entgegengekommen, ließ sich kirchenmusikalisch jedoch nicht mehr ins Theater oder ins neubarocke Cafè-Haus locken. Seine Werke atmen liturgische Klarheit. künstlerisch hohe Kompetenz, musikantische Fülle, sie sind praktikabel und straff. Gerade im letzten zeigt sich der gewandte Priesterchorregent des vorletzten Jahrhunderts. Die prächtige Kirchenmusik sollte hinausgetragen werden aus den Domkirchen bis in die abgelegene Dorf- oder Stadtpfarrkirche, zu Menschen, die - gerade auf dem Lande – mit der Kirche gelebt haben, den Gottesdienst aber auch in den harten Tagesablauf integrieren mußten und für mehrstündige musikalische Hochämter einfach keine Zeit hatten. So passen selbst die Missa-solemnis-Kompositionen Mitterers auf jeden Pfarrchor, stehen aber auch jedem Domchor bestens zu Gesicht. Die Praktikabilität von Mitterers Werken haben ihn auf fast allen Kirchenchören des südlichen deutschen Raumes bekannt gemacht, so z.B. seine berühmte „Thomasmesse“ op. 10, sein wunderbares Requiem in As-Dur, oder die z.T. so schlichten wie genialen Propriumsgesänge zur Weihnacht. So manchen Kirchenchorsänger führte eine falsche Buchstabierung der Komponistenangabe auf dem Stimmblatt „Ig. Mitterer“ zu einem liebenswürdigen und vielleicht mit einem Fingerzeig verbundenen Kalauer „I geh mit derer!“

Mitterers Werke schienen unverwüstlich. Doch selbst vor der Brixner Domkirche machte die nachkonziliare Partiturenstürmerei nicht Halt. Der liturgisch bewegte Bischof Gargitter z.B. mochte sich mit dem hochverdienten und in der gesündesten Tradition stehenden geistlichen Domkapellmeister Alverá erst auf dessen Sterbebett wiederversöhnen, nachdem ein jahrelanger Kampf um die rechte Kirchenmusik, um Kompetenz oder Rudelsingen geführt worden war. Doch auch die kirchenmusikalischen Bildungsstätten kamen der Tendenz entgegen. Setzt man heute einen Absolventen einer kirchenmusikalischen Akademie an eine voluminöse, orchestral gefärbte pneumatische Orgel mit ihren zahlreichen, praktischen Sub- und Superoktavkoppeln, so wird er blaß. Legt man ihm eine Orgelpartitur von Mitterer, Griesbacher etc.. vor, wird er noch blasser. Nicht daß er die Noten nicht abspielen könnte, doch er zieht sich parallel zu seiner Gesichtsfarbe zurück in ein farbloses Continuo-Gespiele, er kommt mit zwei leisen Registern aus und zieht zur Erhöhung der Festlichkeit beim „Amen“ des Gloria eventuell auf heftiges Drängen des Dirigenten noch eine Waldflöte 4’. Kräftige Achtfüße, Mixturen und Zungen bleiben im „Depot“. Wo sind die Chorregenten, die selbst die Orgel gespielt haben und den Chor orchestral farbig begleiten konnten, die noch wußten, daß sie nicht hinter einem sowieso nicht anwesenden Continuoblock hinterdrein klöpfeln, sondern mit ihrem Instrument das große Orchester ersetzen mußten? Wo sind die Chorregenten, die auf eine cäcilianische Orgelmesse nicht ein halbes Jahr zuproben mußten, sondern mit musikantischem Drive die Sänger jeden Sonntag in eine andere „stets parate“ Messe mit einem Kopfnicken oder Augenzwinkern hineindirigieren konnten? Hat tatsächlich das Ideal eines zwar in Orgelliteratur dressierten, sich aber an 47 Sonntagen im Jahr de facto mit Gotteslobliedern und an Festtagen mit einer stets wiederholten Missa brevis der Wiener Klassiker sich zufrieden zeigenden Kirchenmusikers, gesiegt, der schon ein schlechtes Gewissen herumschiebt, weil er an Weihnachten immer noch die – wenngleich pflichtschuldig mit dürren Kantorengesängen durchschossene „Kemptermesse“ aufführt?

Soll der Endpunkt der Entwicklung dort sein, wo kirchenmusikalische Lehrer betreten lächeln, wenn man nach der Bedeutung der Cäcilianer, etwa eines Ignaz Mitterer im Lehrplan ihrer Anstalt fragt? Mittlerweile ist dieser Künstler sogar in Südtirol von den Programmen der Kirchenchöre verschwunden, und man singt „Sätze zum Gotteslob“ aus irgendwelchen machwerkerischen Chorbüchern. Anstandshalber vielleicht noch beim „Herz-Jesu-Fest“ wird das eine oder andere aus der offiziellen, 232 Opera umfassenden Werkliste Mitterers herausgezogen. Sein Herz-Jesu-Bundeslied „Auf zum Schwur“ kennen manche Südtiroler sogar noch auswendig.

Die Konzerte in Kloster Stams 2008 und 2009, die allein Ignaz Mitterer gewidmet waren, ließen Hoffnung keimen, daß hier Neues, Junges, Frisches nachwächst.

Zwei komplette Konzerte,

- 2008 mit der Missa solemnis A-Dur op.70 („Herz-Jesu-Messe“) in der Fassung mit Orchester, dem Requiem As-Dur (ohne opus-Zahl) in der Fassung mit vier Posaunen, sowie den Cantica Mariana op. 77;

- 2009 mit der Missa solemnis C-Dur, op 98 (zur Ehre des hlgst. Erlösers zum Beginn des 20. Jhdts. geschrieben), der Missa solemnis in c-moll op. 150 (zu Ehren der hlgst. Dreifaltigkeit), sowie dem frischen Te Deum in D-Dur op 114b mit Orchester,

zeigten, daß Ignaz Mitterer auch in seinen Werken lebt.

Beide Konzerte gibt es, versehen mit ausgezeichneten Booklets, in Einspielungen auf CD und sind zu bekommen beim Institut für Tiroler Musikforschung Innsbruck (www.musikland-tirol.at).

Jedem Kirchenmusikstudenten hätten beide Konzerte zum Pflichtprogramm gemacht werden müssen. Man konnte Musik kennen lernen von jungen Leuten für junge oder junggebliebene Zuhörer. Den erfreulichen Eindruck der Ausführung aller Werke kann in keinster Weise schmälern, daß man sich manchmal ein bißchen weniger jugendlich genommene Tempi, oder auch zwischendurch einmal ein a-cappella Werk Mitterers gewünscht hätte. Auch dürfte durchaus ein größeres Werk – wie etwa das Te Deum op. 114 einmal in der a-Fassung nur mit Orgel ausgeführt werden. Die Wünsche sollen von den Verantwortlichen nicht als Kritik, sondern als Weiterführung gewertet werden, wobei sich Verf. der Probleme des Fehlens einer entsprechenden Großorgel im Chorraum von Stams bewußt ist; und die erkennbare Freude bei Solisten, Chor und Orchester immer vorrangig ist gegenüber einem vielleicht berechtigten Wunsch nach mehr hymnischer und gravitätischer Interpretation.

Ein schöneres Memento an Ignaz Mitterer zum – fast überall „vergessenen“ – 85. Todestag, als es 2008 und 2009 in Stams geboten wurde und auf den Einspielungen miterlebt werden kann, ist kaum denkbar.

Artikel als PDF hier.

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